Wenn ich alles erzählen könnte, was ich in diesen Jahren gesehen habe, dann müsstest du dich bequem hinsetzen und mir eine ganze Weile zuhören. Das Leben in dieser Gegend kann den Städtern monoton erscheinen, aber ich garantiere dir, dass hier so viel passiert, wie du dir umgeben von Asphalt und Beton nicht einmal vorstellen kannst.
Vor allem gibt es hier Ebbe und Flut, das Wasser steigt und fällt. Das verändert das Aussehen des Landes und lässt Dinge auftauchen und wieder verschwinden. Die Lagune scheint wie ein großer Teich stillzuhalten, aber auch sie ist Teil des Meeres, das sie umgibt. Es lohnt sich, den bequemen Strand und die befestigten Straßen zu verlassen, um diese herrliche und seltene Umgebung kennen zu lernen.
Und wie Ebbe und Flut kommen und gehen auch die Jahreszeiten. Frühling und Sommer, die du so gern magst, wenn du hier im Urlaub bist, mit dem Fahrrad die Dämme und Felder entlangfährst, die sich mit herrlichen Blumen und strahlenden Farben in ihre Festtagskleider hüllen. Aber vergiss den Herbst nicht, mit seinen Rot- und Gelbtönen, mit seiner Stille, und auch den kahlen, schlichten, anheimelnden und einsamen Winter solltest du nicht übersehen.
So wie die Jahreszeiten kommen und gehen auch die Vögel. In diesen Gegenden finden sich Zugvögel und Standvögel. Es fehlt nicht an Überraschungen, schönen Geschichten wie die der Flamingos, die eines Tages in ganzen Schwärmen über mir am Himmel vorbeizogen.
Zu den vielen Geschichten gehören auch die Geschichten der Menschen, die dieses ungewisse Land zwischen Meer und Ebene geformt haben, die Felder an den Dämmen fruchtbar machen, die für eine Weile alles stehen und liegen lassen und hierher zum Angeln kommen, sich im Anblick der Spiegelbilder im Kanal oder auf dem immensen Wasserspiegel der Lagune verlieren, wo sie Schwänen zuschauen, die wie große weiße Segel nur darauf warten, zu unbekannten Gestaden aufzubrechen.
So ist das, diese einsamen und stillen Orte locken leicht die Poesie hervor. Vor allem, wenn man dem Wind zuhört, der Bora, die brüllt und rüttelt, oder dem warmen Schirokko, der das Echo der Wüste mit sich führt. Was sagst du? Der Wind spricht nicht, er ist nur Wind? Aber nein, der Wind hier erzählt viele Geschichten, er schüttelt die Nadeln der Strandkiefern, die sich in einem Sumpf spiegeln, oder rüttelt Wellen in den Wasserbecken wach, in denen sich die weißen Wolken zu Gebirgen auftürmen.
Und das Schöne dabei ist, dass man nicht viel machen muss. Es reicht, ein bisschen auf den Straßen und gut ausgeschilderten Wegen zu radeln, immer mal wieder stehen zu bleiben, um die Geschichten zu bewundern, die ich dir erzählt habe und die ständig in Bewegung sind, wie Ebbe und Flut.
Wenn du mich besuchen möchtest, dann musst du nur ein bisschen im Schilf nach mir suchen. Dort ruhe ich mich aus, startbereit, um die Kanäle zu befahren, auf denen erfahrene Augen und Hände den Weg bis nach Venedig oder Triest finden.





