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Im nächsten Jahr fahren wir wieder zusammen nach Bibione

Am frühen Morgen wecken mich die ersten Sonnenstrahlen, ein zuerst schwaches Leuchten und dann eine Explosion von Licht hinter dem Pinienwäldchen in Richtung der Berge, woher ein Teil von mir stammt. Langsam, wie die Wellen, erreiche ich den Strand.

Ich lege mich am Ufer auf den feuchten Sand, während mich die Brandung sanft umspült. Um mich herum herrscht die Stille des anbrechenden Tags. Nur der rhythmische Klang der Wellen erzählt eine immerwährende Geschichte, Tag für Tag, sommers wie winters.

Viele schlafen noch um diese Zeit. Kein Wunder, denn sie haben Urlaub und nutzen das aus. Aber sie verpassen diesen goldenen Moment, so golden wie das Licht, das durch das Pinienwäldchen dringt und das Meer in zauberhaften Farben aufleuchten lässt.

Jetzt tauchen die ersten Menschen auf, ein älterer Herr watet barfuss durchs Wasser, eine Frau joggt vorbei, und langsam erwacht das Leben. Die Sonne steigt immer höher, und der frische Morgenwind empfängt die ersten Familien mit ihren Kindern.

Eines von ihnen, mit dem Akzent eines fremden Meeres und dem Lächeln aller Kinder dieser Welt, hebt mich auf, hält mich in seinen Händen und bewundert mein Glitzern, dann steckt es mich in seine Tasche.

Unter dem Sonnenschirm lässt es mich in einen Eimer gleiten, in dem bereits andere Muscheln und Krebspanzer liegen. Im Schatten ruhe ich mich aus und warte neugierig darauf, wie es weitergeht.

Das Kind würde gern alle Muscheln mitnehmen, aber seine Mutter meint, dass ihre Wohnung bereits voller Muscheln sei. Es darf nur eine behalten, die anderen bleiben am Strand. Unter den vielen wählt es gerade mich aus.

Ich bleibe die ganzen Ferien über bei ihm. Abends liege ich auf dem Nachttisch neben seinem Bett. Bevor es einschläft, betrachtet es mich immer lächelnd. Manchmal nimmt es mich mit, wenn es ein Eis essen geht oder eine Runde mit seinem Rad fährt. Manchmal bleibe ich auf einem Tisch liegen und spüre den Wind, der durch die vielen Bäume in Bibione weht.

Eines Tages sehe ich, dass das Kind ganz traurig wird. Seine Mama sagt, es solle nichts vergessen, denn sie fahren ab. Ein paar Dinge vergisst es dann doch, aber nicht mich. Es nimmt mich in die Hand, und so beginnt unsere gemeinsame Reise.

Zuerst fahren wir durch die Ebene und kommen dann in die Berge, deren Felsen auch in meiner Schale sind. Die Fahrt geht aber noch weiter nach Norden, in eine Stadt an einem anderen Meer, das grau und kalt ist. Die Tage vergehen und die Schule beginnt. Das Kind schaut manchmal auf mich, während es seine Hausaufgaben macht, und denkt dann an ein ganz anderes Meer, das weiß ich. Und dann fällt der erste Schnee und Weihnachten ist da. Das Kind wacht früh auf und wickelt glücklich ein Geschenk aus. In dem Päckchen liege ich, mit einem Zettel: „Im nächsten Jahr fahren wir wieder zusammen nach Bibione.“