Besondere Begegnungen am Leuchtturm bei Sonnenaufgang

Ich mag das Meer am frühen Morgen, wenn die Sonne sanft das erste Licht ausstreut, das fast nicht vom Dunkel der Nacht zu unterscheiden ist. Bevor sie aufgeht, muss die dunkle Nacht weichen. Dann erscheint hinter den Bergen ganz langsam eine Sinfonie aus Farben, die in das Meer fließen, die Fischerboote beleuchten und ein paar Frühaufsteher am Strand streifen. Das ist der ideale Moment für einen Lauf durch den Pinienwald, auf den Wegen um den Leuchtturm zwischen alten Pinien und hartnäckigen Pflanzen, die dem Salz und Wind des Meeres trotzen.

Ich komme in dieser Übergangszeit zwischen Nacht und Tag hierher, weil ich die Stille dieses Grenzlandes zwischen Fluss und Meer, zwischen Feldern und Strand, zwischen Stadt und ungezähmter Natur liebe.

Jede Jahreszeit ist perfekt, auch der kalte Winter, denn dann kann ich ungestört zu jeder Tageszeit umherstreifen. Voll Freude begrüße ich den Frühling, wenn auf den Feldern und im Pinienwald das Leben neu erwacht und alles sich mit Duft, farbenprächtigen Blumen und neuen Knospen füllt, wenn die Morgendämmerung jeden Tag ein bisschen früher und die Nächte ein bisschen später kommen.

Im Sommer bleibe ich abseits und komme nur bei Sonnenaufgang hierher, um nicht auf Radfahrer zu treffen, die vielleicht den Fluss überqueren und in das nahe Lignano fahren wollen. Sind der September und auch der warme Oktober vorbei, die noch letzte Touristen auf der Suche nach dem jetzt stilleren Meer bringen, werde ich wieder zum Herrscher über diese Naturoase, diesen einzigartigen und außergewöhnlichen Ort dieser Küste.

Früher war ich lieber im Gebirge – mit seinen weitläufigen Wiesen voller Heilkräuter. Ich aalte mich in der Sonne, im hohen Gras, immer bereit, mich schnell im Wald zu verstecken, auf der Suche nach einer Buche oder Tanne, unter der ich mich ausruhen konnte.

Dann sind meine Freunde und ich dem Tagliamento, diesem freien und wilden Fluss, zwischen Dämmen, Feldern und Wäldern, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen, ins Tal gefolgt. Wir haben einen weiten Weg zurückgelegt, eine Strecke, die heute immer mehr Menschen mit dem Rad fahren. 

Von der Luft angelockt, die in sich den salzigen Geschmack und den Klang der Wellen trägt, sind wir bis zur Mündung gekommen, wo Meer und Erde sich vereinen. Hier haben wir beschlossen zu bleiben, wo es nur wenige Autos gibt, wo der Pinienwald uns seinen Schatten spendet, wo seltsame Algen uns das Salz anbieten, das uns so gut schmeckt.

Wir Rehe sind ängstliche und zurückhaltende Tiere. Es ist nicht leicht, uns zu finden, vor allem, wenn die Menschen Lärm machen und laut sprechen. Aber warum sollte man hier so viel reden? Es reicht doch, langsam zu gehen, den Wind zwischen Dünen und Pinien zu hören, und den Wellen mit ihrem Lockruf aus alten Welten zu lauschen. Wenn du aufmerksam bist und dich umsichtig bewegst, kannst du mich vielleicht schnell aufspringen sehen, ein flüchtiger, seltsam erscheinender Schatten, ein besonderer Moment, den du in dir bewahren kannst – eine Erinnerung an einen etwas anderen Urlaub.